Schlagzeilen der Woche (KW 29-34 / 2010)
Westen Montag 2010.08.23
EU lenkt im Kohle-Streit ein
Düsseldorf/Brüssel. Im Streit um einen vorgezogenen Steinkohle-Ausstieg werden die Töne aus Brüssel freundlicher. Energie-Kommissar Günther Oettinger rückt vom Enddatum 2014 ab. Die Bundesregierung ist überrascht.

EU-Kommissar Oettinger will schärfere Kontrollen für Ölindustrie (ddp)
Im Streit um ein vorgezogenes Auslaufen der Steinkohle-Hilfen mit dem drohenden Verlust von Tausenden Arbeitsplätzen scheint die EU einzulenken. Während Landesregierung und ein Mehrparteien-Bündnis in NRW auf 2018 als Ausstiegs-Datum bestehen, rückt Brüssel erstmals von dem geforderten Termin 2014 ab. „Es ist gut möglich, dass am Ende ein späteres Datum steht“, räumte Energiekommissar Günther Oettinger ein.
Bei der Steinkohle sei „das letzte Wort noch nicht gesprochen“. Deutschland müsse die Kommission und die anderen Mitgliedsstaaten überzeugen, dass die Kohlehilfen „keine Endlosgeschichte sind“, so Oettinger zur Süddeutschen Zeitung. Dann könne man sich auch über das Datum einigen.
Der SPD geht das nicht weit genug. „Wir erwarten, dass Frau Merkel in Brüssel das Steinkohle-Finanzierungsgesetz in all seinen Teilen durchsetzt“, fordert Landtagsfraktionschef Norbert Römer. Dazu ist aus NRW-Sicht die Revisionsklausel unverzichtbar: Danach wird 2012 überprüft, ob es auch nach 2018 einen Sockelbergbau gibt und der Zugang zu den heimischen Lagerstätten geöffnet bleibt.
„Nicht offiziell“ informiert
Im Falle eines Kohle-Ausstiegs im Jahre 2014 befürchtet das NRW-Bündnis aus SPD, CDU, Grünen und Linkspartei betriebsbedingte Kündigungen für 5300 Bergleute und den Verlust von 10 000 Jobs in der Zulieferer-Industrie. Ein sozialverträglicher Ausstieg, der Leitfaden in dem 2007 ausgehandelten Kohle-Kompromiss war, wäre nicht mehr umsetzbar, heißt es in der gemeinsamen Erklärung.
Das sieht auch die Bundesregierung so, wie die Antwort auf eine Kleine Anfrage der NRW-Abgeordneten Ulla Lötzer (Linke) bestätigt. Laut dem Antwortschreiben, das der WAZ-Mediengruppe vorliegt, wurde die Regierung Merkel von der EU-Kommission im Vorfeld „nicht offiziell“ über die tatsächlichen Brüsseler Kohlepläne informiert.
Auf Arbeitsebene waren Entwürfe der Verordnung bekannt geworden, die in keinem Fall das Enddatum 2014 enthielten, heißt es, und weiter: Die in den EU-Entwürfen gesetzten Endtermine hätten „den deutschen Auslaufprozess wie geplant abgesichert“. Lötzer hingegen kritisiert, entweder habe sich die Bundesregierung „von der EU-Kommission hinters Licht führen lassen oder den Kohlekompromiss bewusst aufs Spiel gesetzt“.
NRZ Montag 2010.08.23
Aufatmen unter Tage
Im Kohle-Streit mit der EU deutet sich Entspannung an
Zugegeben, die neue Kohle-Wende führt heute wohl kaum zu Euphorie und Jubel in den letzten sechs deutschen Zechen. Und doch sind die neuen, sanften Töne aus Brüssel wichtig. Denn ohne die Möglichkeit, das Ende des subventionierten Bergbaus bis 2018 hinauszuzögern, wird es ungleich schwerer - und für die öffentliche Hand teurer - das Versprechen sozialverträglicher Stilllegungen einzuhalten.
Der Vorstoß aus Brüssel dürfte daher in erster Linie eine Warnungsein, es mit den Kohlesubventionen nicht zu übertreiben. Auf ein Auslaufen bis 2018 wird man sich mit der EU wohl verständigen können. Doch eine Freigabe für Staatshilfen darüber hinaus dürfte in Brüssel schwerer zu erkämpfen sein denn je. Denn zu den liberalen Subventionsgegnern gesellen sich nun die Umweltschützer, die gegen die klimaschädliche Verstromung von Kohle sind - und ergo auch gegen die Förderung. EU-weit sind Kohleländer deutlich in der Minderheit.
Dies muss im Hinterkopf haben, wer - womöglich motiviert durch eine SPD-geführte Landesregierung - auf die Revisionsklausel setzt. Selbst wenn Länder und Bund 2012 für einen Sockelbergbau stimmen, muss für mögliche Subventionen weiter die EU gewonnen werden.
Westen Freitag 2010.08.20
Klage des BUND abgewiesen
Castrop-Rauxel. Abgewiesen wurde die Klage des BUND gegen die Überlandleitung zum im Bau befindlichen Kraftwerk Datteln.

Aus formalen Gründen hat der 11. Senat des Oberverwaltungsgerichtes Münster die Klage des BUND gegen den Planfeststellungsbeschluss zum Bau der 380 kV-Leitung zum Anschluss des umstrittenen Eon-Kohlekraftwerks Datteln 4 an das Stromnetz abgewiesen.
Der nordrhein-westfälische Landesverband des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland will aber weiter dagegen klagen. Nach dem Urteil des 11. Senats des OVG vom Donnerstag kündigte der BUND eine Beschwerde gegen die Nichtzulassung der Revision an. Der BUND hält die Klageabweisung für nicht vereinbar mit dem europäischen Recht und will erreichen, dass sich das Gericht auch inhaltlich mit dem Vorhaben auseinandersetzt.
Der Düsseldorfer BUND-Geschäftsführer Dirk Jansen erklärte: „Es geht hierbei darum, dass die Einwendung nicht formgerecht erfolgte. Wir haben die Einwendung per E-Mail verschickt, parallel dazu als Fax. Das ist aber wohl nicht angekommen.“
Dazu stellt Dr. Ulrich Lau, Pressesprecher des OVG Münster, fest: „Die Einwendungen im Planfeststellungsverfahren müssen schriftlich geltend gemacht werden. Eine normale E-Mail ist als Schriftform nach geltendem Recht nicht zulässig. Es gibt allerdings die E-Mail mit qualifizierter Signatur, durch die der Absender eindeutig identifizierbar ist.“
Dass vom OVG keine Revision zugelassen wurde, erklärt der Jurist: „Revision wird zugelassen, wenn es um grundsätzliche Bedeutung eines Urteils geht oder es gegen eine Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts gefällt wird.“
Die Beschwerde des BUND kann sich somit nur auf die Zulassung einer normalen E-Mail beziehen. „Wenn das BVG sie zulässt, wird das Verfahren zurückverwiesen und dann kann sich das OVG auch inhaltlich mit der Klage beschäftigen“, so Dr. Lau.
Wirtschaftswoche Freitag 2010.08.13
Das Stiftungsdrama über Tage
Der ehemalige Bundeswirtschaftsminister und RAG-Chef Werner Müller musste vier Jahre lang kämpfen, bis er sein Modell zur Abwicklung des Steinkohlenbergbaus durchsetzen konnte. Ihm selbst aber blieb am Ende die Krönung verwehrt.

Werner Müller im Jahr seines Amtsantritts bei der RAG: Dem ehemaligen Vorstand wurde letztendlich die Krönung verwehrt. dpa
DÜSSELDORF. Es war ein gewagter Plan, den Werner Müller damals, im Herbst 2003, skizzierte. Die RAG, die ehemalige Ruhrkohle, solle irgendwann als "strotznormaler Konzern" an der Börse notiert sein, tönte er vor den Führungskräften des Essener Mischkonzerns. Der verdiente damals zwar mit Chemie, Energie und Immobilien gutes Geld, mehr als die Hälfte seiner 80 000 Mitarbeiter aber beschäftigte er im defizitären deutschen Steinkohlenbergbau.
An die Börse? Die RAG hatte damals nur einen Sinn: Mit dem "weißen Bereich", dem Industriegeschäft, wenigstens einen Teil der Kosten für den international nicht wettbewerbsfähigen und von Subventionen abhängigen Steinkohlenbergbau an Ruhr und Saar zu erwirtschaften. Haftungsverbund, hieß das. Der profitable Bereich musste für die Folgekosten des Bergbaus einstehen. Die RAG hatte die sogenannten Ewigkeitslasten aus dem Kohlenbergbau übernommen - also die Kosten für die Bewirtschaftung stillgelegter Bergwerke und die finanzielle Haftung für künftige Bergschäden.
Der ehemalige Bundeswirtschaftsminister Müller hatte damals erst wenige Wochen zuvor die Führung der RAG übernommen. Er hatte aber bereits die Blaupause im Kopf, nach der später die RAG-Stiftung und der neue Evonik-Konzern gegründet sowie der Ausstieg aus dem Bergbau besiegelt werden sollten.
Die Aufgabe glich freilich dem Zerschlagen eines gordischen Knotens. Müller musste die Altlasten des Bergbaus vom weißen Bereich abkoppeln - um diesen Teil des Unternehmens, in dem Müller die Zukunft sah, zu retten. Er selbst formulierte es damals gegenüber seinem Vertrauten, dem damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder, so: "Wenn ich die Risiken sauber bilanziere, bin ich latent pleite."
Dafür musste er aber zum einen die Aktionäre der RAG einbeziehen - die Energiekonzerne Eon, RWE und die Stahlkonzerne Thyssen-Krupp und Arcelor. Allein das war knifflig. Die Unternehmen hatten zwar ein Interesse, aus der Haftung zu kommen, sie mussten aber auch ihren eigenen Aktionären erklären, dass sie sich faktisch umsonst aus der RAG zurückziehen.
Zum anderen musste Müller den Bund und die Kohleländer Nordrhein-Westfalen und Saarland ebenso überzeugen wie die einflussreiche Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IGBCE), die auf einen sozialverträglichen Ausstieg pochte. Was folgte, war eine schier endlose Odyssee durch die politischen Entscheidungsprozesse in Berlin, Düsseldorf und Saarbrücken.
Doch am Ende war der Knoten zerschlagen, stand das sogenannte Stiftungsmodell: Am 7. Februar 2007 verständigten sich die Bundesregierung, die Landesregierungen Nordrhein-Westfalen und Saarland, die IG BCE und die RAG Aktiengesellschaft, die subventionierte Förderung der Steinkohle in Deutschland bis zum Ende 2018 sozialverträglich zu beenden. Dafür wurde die RAG-Stiftung im Juni 2007 gegründet. Sie übernahm zum einen die Kontrolle über den Bergbau, der seither allein unter dem Namen RAG firmiert, und dem weißen Bereich, der in das neu gegründete Unternehmen Evonik Industries überführt wurde.
Die Stiftung soll dafür sorgen, dass bis zum endgültigen Ausstieg aus dem Bergbau genug Geld in ihrer Kasse ist, um die Ewigkeitslasten zu finanzieren. Diese waren von Wirtschaftsprüfern auf rund acht Mrd. Euro taxiert worden. Dazu soll die Stiftung schrittweise Evonik an den Kapitalmarkt bringen. Eine erste Tranche veräußerte sie Mitte 2008 für 2,4 Mrd. Euro an den Finanzinvestor CVC.
Müller selbst blieb am Ende die Krönung verwehrt. Er hätte den Vorstandsvorsitz der RAG-Stiftung gerne übernommen. Aber weder der damalige CDU-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers noch Bundeskanzlerin Angela Merkel wollten den ehemaligen Minister aus dem Kabinett Schröder akzeptieren. Stattdessen wurde Wilhelm Bonse-Geuking berufen.
Frankfurter Allgemeine Zeitung Freitag 2010.08.06
Glück auf!
Die letzten Bergleute verlassen das Saarland. In zwei Jahren wird hier keine Steinkohle mehr gefördert. Was bleibt, sind leere Zechengelände. Und Menschen, die daraus etwas machen müssen.

50.000 Bergmänner und ihre Familien hat die Steinkohle im Saarland ernährt. Von den 18 Zechen Ende der fünfziger Jahre ist noch eine übrig geblieben. In zwei Jahren schließt auch sie ihre Pforten.
Thomas Bornträger hat es nicht einmal gespürt, das Beben, das seine Welt zerstörte. Er saß im Auto, am 23. Februar 2008 um 16.31 Uhr. Die Bilder von den Rissen in den Häusern, von zusammengebrochenen Schornsteinen, Mauern und Treppen, von den herabgestürzten Steinbrocken vor der Kirche in Saarwellingen, von schreienden Kindern und aufgebrachten Anwohnern, die lautstark ein Ende forderten mit dem Bergbau im Saarland - das alles hat er erst später im Fernsehen gesehen (siehe auch Erdbeben durch Kohleabbau im Saarland). Aber er hat es geahnt. "Die Anzeichen waren da", sagt er. Tage zuvor habe man in der Umgebung des Nordschachts schon Erschütterungen gespürt. Bornträger ist 41 Jahre alt, er fährt schon ein Vierteljahrhundert ein, jeden Tag, mehr als 1000 Meter unter die Erde, schon sein Vater war Bergmann. Ihm war sofort klar, dass nach diesem Beben nichts mehr so sein wird wie zuvor. Er wird das Saarland verlassen, seine Familie mitnehmen, alles abbrechen, neu anfangen. So wie 1700 seiner Kollegen. Der Treck der Bergleute ist eine Reise ohne Wiederkehr. Im Jahr 2012 ist Schluss mit dem Bergbau im Saarland.
50.000 Männer und ihre Familien hat die Steinkohle einst ernährt. Von 18 Zechen ist noch eine übrig geblieben. Thomas Bornträger macht nicht viele Worte darum. Bergmänner wie er werden an der Saar schon seit 15 Jahren nicht mehr ausgebildet - für Frauen ist der Beruf schon immer tabu. Nach dem Beben hat die Muttergesellschaft RAG alle umgeschult, die nach 1972 geboren wurden. Bornträger aber will die letzten neun Jahre als Bergmann weitermachen. Bis er 50 ist, dann hat er die Altersgrenze für Beschäftigte unter Tage erreicht. Das ist seine Perspektive, eine andere kommt für ihn nicht in Betracht.
Ein Tross vom Saarland nach Nordrhein-Westfalen





